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Tiaka, der Werwolf

tiaka

Autor: Martin Wolfgang Dierolf aka Sturmfeder 1996
Seiten: 144
Erscheinungsjahr: 1998
Verlag: Frieling & Partner
Genre: Fantasy
Erhältlich: offiziell nicht mehr aber z.B. über das Abenteuerland.com - anfragen!

 

 

Vorwort

Frei laufe ich unter der Sonne der Nacht. Kein Zwang fesselt meine Gedanken. Kein Lebewesen betrachtet mich als Versehen der Natur. Nur die Freude am Laufen und der lange ersehnten Gestalt lassen meine bernsteingelben Augen funkeln. Geräusche und Gerüche der Wildnis dringen in meine Sinne und lassen meinen Körper uralte Emotionen freisetzen. Feuchtes Gras legt sich gehorsam unter den unermüdlichen Pfoten nieder und tief hängende Zweige streichen sanft über mein dunkelbraunes Fell. Kühle Luft dringt in meine Lungen und senkt die aufbegehrende Wärme des eigenen Körpers auf erträgliche Maße. Unbeschreibliche Bilder und Gefühle brennen sich auf ewig in mein Gedächtnis. Den Ruf der Wölfe anstimmend folge ich einem uralten Ritus im ewigen Kreis des Lebens.

Kapitel 1 (von 13)

Hechelnd, um seinem Körper erfrischende Kühlung zu verschaffen, folgte das Wesen dem steinigen Weg. Es setzte sehr vorsichtig seine Hinterpfoten auf, denn zahllose Steinchen lagen verstreut auf dem Boden herum und bestraften jeden unachtsamen Schritt. Schließlich gabelte sich der von Sträuchern und Büschen verschiedenster Arten umgebene Weg. Durch ein Geräusch aufgeschreckt warf das Wesen einen Blick über die Schulter und versteckte sich rasch hinter einem der dichteren Büsche. Dort kauerte es sich angespannt hinter einen der zahlreichen immergrünen Büsche, die Ohren auf jedes kleinste Geräusch gerichtet. Sofort unterdrückte es jede verräterische Bewegung, als ihm der sanfte, lauwarme Wind den Geruch und die Schritte von Menschen zutrug. Vorsichtig duckte es sich tiefer in die Deckung. Seine bersteingelben Augen suchten die untergehende, rotverfärbte Sonne, die auf sein schwarzbraunes Fell schien.

Gleich, dachte er, ist sie untergegangen. Sie werden die Suche abbrechen müssen, sonst finden sie den Rückweg nicht. Vorsichtig, als der erste neben einem Felsen in Sicht kam, verlagerte er sein Gewicht auf die linke Seite, da ein spitzer Stein sich quälend in eine Pfote bohrte. Es dauerte nicht lange, bis alle Menschen vollzählig in seinem Sichtfeld angekommen waren. Letzte Sonnenstrahlen verfingen sich auf der Schneide einer sichtlich gebrauchten Holzfälleraxt, die einer der Bauern schützend vor sich hielt. In einem Anflug von Bedauern wanderten die Augen des Wesens von den Krallen seiner Vorderpfote auf die sechs Menschen und ihre Bewaffnung, die hauptsächlich aus Arbeitsgerät bestand. Wahrscheinlich können sie nicht einmal richtig damit umgehen, schoss ihm durch den Kopf. Aber der Instinkt warnte ihn davor, etwas Unüberlegtes zu tun. Die kleine Gruppe hielt nicht sehr weit von dem Busch an, wo sie eine kurze, aber heftige Diskussion führten. Ein kleiner, kräftig gebauter unter ihnen deutete auf die inzwischen fast untergegangene Sonne, wobei er beschwörend, aber mit Respekt auf den Anführer der Gruppe einsprach. Langsam nickte der hagere, kurzhaarige Mann einsichtig und sprach die anderen an, die offenbar derselben Meinung waren. Einige Augenblicke vergingen, bis er sich schließlich umdrehte. Tiefblaue, von Hass erfüllte Augen suchten die Umgebung ab. "Werwesen!" schrie er. "Du hast meinen Sohn getötet! Das werde ich dir nie vergessen, verdammter Zehengänger!" Der Mann zögerte kurz, bevor er halb verzweifelt, halb drohend hinzufügte: "Ich werde dich finden und dann wirst du meine Rache erleben! Irgendwann. Irgendwo. Wenn du es nicht erwartest!" Langsam drehte er sich ein letztes Mal um und führte die kleine Gruppe zögernd den Pfad zurück. Leise wartend ließ der Werwolf ausreichend Zeit verstreichen, bevor er sich wieder erhob und seinen Rückweg betrachtete.
Als er überzeugt war, dass kein Mensch mehr anwesend war, folgte er einem anderen schmalen Pfad durch die beginnende Dunkelheit, der sich in zahllosen Kurven verlor und schließlich in der Nähe eines kleinen Laubwaldes endete. Da der Mond für seine Augen ausreichend schien, war eine geeignete Stelle zum Ausruhen rasch gefunden. Es war nicht sehr kalt, trotzdem rollte er sich aus Gewohnheit auf dem weichen unebenen Boden zusammen. Die Rast tat seinen geplagten Hinterpfoten gut, nachdem er ohne große Rücksicht den steinigen Weg überwinden musste. Über den Verlauf des Tages beunruhigt, zwang er sich den ereigneten Ablauf wieder ins Gedächtnis zurück.
Auf dem Rückweg zu meinem Rudel legte ich eine kurze Rast an einem Bach in der Nähe eines Dorfes ein. Doch während ich meinen Durst stillte, tauchte irgendwie ein junger Mensch in meiner Nähe auf. Scheinbar hielt er mich von hinten für einen normalen großen Wolf, den er erschlagen konnte, um später damit zu prahlen. Doch er scheint seinen Fehler schnell bemerkt zu haben, denn er schrie ungläubig und verängstigt auf, als er nahe genug heran war. Überrascht drehte ich mich herum, und knurrte ihn sofort an. Das schien ihn irgendwie aus seiner Erstarrung zu lösen, und er hob sein Messer. Er hatte keine Kampferfahrung und war verwirrt. So stellte er keine richtige Gefahr für mich dar. Doch dass ich ihn nicht bemerkt hatte, erweckte meinen Zorn, und kurz darauf lag sein Körper mit herausgerissener Kehle unter mir. Doch leider war er nicht allein, was mir mein Gehör schnell verriet. Flucht ist eigentlich gegen meinen Charakter, besonders vor Menschen, doch in dieser Situation schien es mir das Klügste zu sein.
Seit heute früh verfolgten mich seine Begleiter. Nur meine besseren Sinne als Werwolf gegenüber den unterentwickelten Menschen ließen mich immer wieder einen Vorteil herausschlagen. Durch ihre Stiefel konnten sie leider auf den steinigen Wegen schnell aufholen, und ihre Bewaffnung ließ meine Aussichten in einem Kampf ungünstig aussehen. Doch die kommende Nacht verlieh mir letztendlich den entscheidenden Vorteil, fasste er zusammen. Die Anzahl Menschen störte ihn in Wirklichkeit jedoch nicht so sehr. Da es ja keine ausgebildeten Soldaten waren, konnte man nicht viel von ihnen erwarten. Doch auf diesen Pfaden mit vielen kleinen, spitzten Steinen war ein schnelleres Vorankommen einfach nicht möglich. Außerdem hatten seine Pfoten schon auf dem Herweg leiden müssen, und heute hatte sich keine ausreichende Gelegenheit gegeben auszuruhen. Müde spitze er ein letztes mal die Ohren, bevor er sich sicher genug fühlte, wenigstens etwas Ruhe zu finden.

"Müssen wir noch lange laufen?" fragte Inaka in der für Werwölfe typischen Mischung aus verschiedenen Lauten und Körpersprache. Einauge, dessen früher rein schwarzes Fell inzwischen viele graue Stellen aufwies, drehte den Kopf nach links. Vorwurfsvoll schaute er den jungen, noch unerfahrenen Werwolf mit seinem verbliebenen Auge an. Doch er ließ sich schnell von einem vorüberfliegenden Schmetterling ablenken. "Wir sind noch nicht lange unterwegs, und in dieser Gegend gibt es viele Menschen. Es ist besser, wenn wir bis zur Mittagssonne weitergehen." Niedergeschlagen ließ Inaka leicht die Ohren sinken, und musterte verdrossen das dichte Grün um sie herum. "Warum sollte ausgerechnet ich dich begleiten?" fragte Inaka, um sich von seiner Müdigkeit abzulenken. Einauge wartete mit der Antwort ein paar Minuten, da er gerade ein Reh gewittert hatte. Zögernd vertrieb er den Geruch aus seinen Gedanken, bevor er erwiderte: "nun, du bist der einzige junge Werwolf unseres Rudels, der sich von den üblichen Streitereien seiner Geschwister meistens fernhält. Auch scheint dich dein zukünftiger Rang nicht sehr zu interessieren. Ganz zu schweigen von deiner kämpferischen Einstellung. Die anderen werden dich auf Dauer als Einzelgänger behandeln. Deswegen dachte dein Vater, etwas Abwechslung würde dir vielleicht helfen." Inaka sah den älteren Werwolf leicht verwirrt an. "So habe ich es noch nicht gesehen." gab er zu. "Aber was soll ich tun? Immer wenn es um einen Kampf geht, sagt mir eine innere Stimme, wie unsinnig das eigentlich ist. Warum soll ich um eine Rangposition kämpfen, wenn man alles friedlich lösen könnte? Ich bin zufrieden wie es ist. Außerdem will ich nicht gegen meine Geschwister kämpfen. Auch wenn es nicht ernsthaft wäre. Durch den letzten Krieg haben wir ja schließlich genug Wölfe verloren." Kopfschüttelnd hielt Einauge an. "Kein Wunder! Du denkst bestimmt auch daran, dich mit den Zweibeinern friedlich zu einigen, was?" "Nun, um ehrlich zu sein..." begann Inaka vorsichtig. "Sei still, und schlag dir diese Sachen aus dem Kopf!" Einauge wurde langsam zornig, was Inaka schnell an seiner Körperhaltung bemerkte. "Ich will jetzt nichts mehr hören, verstanden? Du hast scheinbar wirklich nichts von all dem begriffen, was man dir seit langem beigebracht hat! In deinem Alter sollte man längst alles begriffen haben, was einen Werwolf ausmacht!" Einauge hatte für solche untypischen Verhaltensweisen nicht viel übrig. Zwar zeigten des öfteren jüngere Wölfe ähnliche Verhaltensweisen, doch stets endete diese Phase nach ein paar Monaten. Inaka gab ein entschuldigendes Geräusch von sich und legte die Ohren als Zeichen der Unterwerfung und Zustimmung an. Ich bin eben nicht wie alle anderen, dachte er. Wenigstens jetzt noch nicht. Warum akzeptiert mich keiner, wie ich bin? Vielleicht benötige ich einfach nur mehr Zeit. Still gingen sie den Weg weiter, der von zahllosen Tierspuren geprägt war. Inaka nahm seine Umgebung gar nicht richtig wahr, dafür beschäftigte ihn das Gespräch noch zu lange.
Als die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte, kamen sie an eine kleine Lichtung. Überall wurde der Boden von dichtem Pflanzenbewuchs überdeckt, und eine Reihe saftiger Farne zeichnete die ungefähre Form eines überwucherten Baches nach. Die warme Luft und das Wasser zogen viele verschiedenen Insekten an, doch durch das Fell der beiden Werwölfe vermochten sie nicht zu stechen. Misstrauisch prüfte Einauge die Luft, während Inaka den vielen Insekten beim Umherfliegen zusah. Verärgert gab er Inaka einen Klaps mit der Pfote auf dessen Schnauze. "Narr!", schimpfte er. "Anstatt dir die Natur anzusehen, solltest du lieber auf mögliche Gefahren achten." Er wartete bis der junge Werwolf ihre Umgebung überprüft hatte. "Keine Gefahr. Nur mehrere Hasen, Vögel und vielleicht ein Fuchs" meldete er rasch. Erneut schüttelte Einauge den Kopf. "Ich weiß wirklich nicht, was ich mit dir machen soll." Resignierend trat er langsam auf die Lichtung hinaus, wo er begann, ein Stück des Baches freizulegen. Inaka folgte ihm und half so gut er konnte. "Tut mir leid, ich werde jetzt besser auf meine Umgebung achten", meinte er entschuldigend. "Das wäre ja immerhin einmal ein Anfang", konterte Einauge mit leicht geänderter Stimmlage, um dem Jungen zu zeigen, dass seine Entschuldigung akzeptiert war. Nachdem sie eine Stelle frei hatten, wurde Inaka daraufhin gewiesen, dass sie vielleicht nicht so schnell wieder Gelegenheit zum Trinken bekämen. Deshalb tranken beide soviel sie konnten und dösten anschließend eine Stunde unter den alten, zugewachsenen Ästen eines Baumes. Währenddessen folgte die Sonne langsam aber stetig ihrem ewigen Kreislauf über dem Himmel.

Einauge erwachte, als er Äste knacken hörte. Gleich darauf schrak auch Inaka hoch. Beide hatten ihre Ohren intuitiv in die Richtung der Geräusche gestellt, die noch nicht in ihrer unmittelbaren Nähe waren. "Zweibeiner!" stellte Einauge mit starrem Gesicht fest. Inaka lauschte angestrengt. "Ich kann sie hören, aber nicht riechen", wunderte er sich, obwohl der schwache Wind günstig stand. "Es könnten Jäger sein", vermutete Einauge. "Sie tragen den Geruch des Waldes an sich. Aber ich glaube nicht, dass sie hierher kommen." Still kauerten sie neben dem Baum und warteten, dass die Jäger sich wieder entfernen würden. Doch scheinbar hatten diese eine Falle in der Nähe aufgestellt, an der sie nun beschäftigt waren. Schließlich entschloss sich Einauge, einen Bogen um sie herum zu schlagen, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Vorsichtig gingen sie los, immer darauf bedacht, keine Geräusche zu verursachen oder zu überhören. Der Boden war stellenweise sehr dicht mit altem Geäst oder verschiedenen Pflanzen zugewachsen, doch für Zehengänger war es relativ einfach, immer wieder ein freies, sicheres Stück zu finden, wo man die Pfote aufsetzen konnte. So hatten sie schon den halben Weg hinter sich gebracht, als Inaka unerwartet den Geruch eines fremden Werwolfs witterte. "Einauge", begann er leise, um seine Entdeckung mitzuteilen. Doch der Werwolf hob schnell seine Pfote und machte Inaka verständlich, dass er den Geruch ebenfalls wahrgenommen hatte. Plötzlich blieb er stehen. "Die Jäger kommen auf ihn zu", sagte er mit einem eisigen Unterton in seiner Stimme. "Er wird sie ebenfalls bemerkt haben, oder?" fragte Inaka leicht unruhig. Er war noch nie einem fremden Werwolf begegnet und wusste so noch nicht, wie er sich genau verhalten sollte. Einauge machte eine kurze Bewegung durch die Luft. "Da bin ich mir nicht sicher. Der Wind steht jedenfalls für ihn ungünstig." Nachdenklich blickte er auf seinen jungen Begleiter. Soll ich dem fremden Werwolf helfen oder den jungen aus der Gefahr heraushalten? überlegte er schnell. Kurz entschlossen sprach er ihn an. "Inaka, versprichst du mir, kurz auf dich selbst aufzupassen? Ich habe deinem Vater zwar zugestimmt, auf dich zu achten, aber wenn ich jetzt dem Werwolf helfe, könnte es vielleicht auch für dich gefährlich werden. Entscheide selbst!" Überrascht durch diese Ankündigung, überlegte dieser, was er denn antworten sollte. Doch da er sich noch nie in so einer Situation befunden hatte, fiel ihm nichts besseres ein, als eines der ersten Gesetze anzusprechen. "Es heißt im alten Gesetz, ein Werwolf lässt niemanden seiner Art im Stich." Inaka hielt einen Augenblick inne. "Es sei denn zum Wohl des Rudels. Nur dieser Wolf gehört nicht zu unserem Rudel. Ich würde ihm aber trotzdem gerne helfen", fuhr Einauge abschließend fort. "Wir wissen nicht, ob es eine Falle ist", warf Inaka ein. "Aber wenn du meinst, dass er in Gefahr ist, so hilf ihm. Schließlich ist es ein Wolf. Ich passe schon auf mich auf", schloss Inaka selbstsicher. Erfreut mit der Entscheidung des Jungen zeigte er kurz das übliche Wolfslächeln, bevor er leise zwischen den Büschen verschwand. Inaka kniete sich leicht auf den weichen Waldboden und verließ sich nun ganz auf seine Sinne. So verfolgte er das Geschehen aus sicherer Entfernung. Er würde hier warten, bis er gerufen wurde oder Einauge zurückkam.


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